Dienstliches Herumtrampeln auf Kinderseelen

Wenn dieser Fall nicht im Bekanntenkreis einer Bekannten, sondern in meinem unmittelbaren Umfeld passiert wäre, dann wäre ich sofort bei der Schulbehörde vorstellig geworden:

Man stelle sich eine Lehrerin vor, die in der dritten Klasse eine Mathematikarbeit zurückgibt und der ganzen Klasse eine „Sechs“ präsentiert mit den Worten, eine so schlechte Arbeit habe sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gesehen. Dieses Kind ist mit ziemlicher Sicherheit für den noch langen Rest seiner Schullaufbahn für Mathe versaut … Wenn der kolportierte Wortlaut stimmt, dann ist eine derartige Entgleisung durch nichts zu entschuldigen, meines Erachtens grenzt so etwas bereits an Kindesmisshandlung. Pädagogischer Totalausfall, für den Schuldienst nicht mehr zu gebrauchen, pardon my Klartext.

ex Dezember 2007, http://wort-und-satz.de/system-cgi/blog/index.php?itemid=607

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Zweifelhafte Namenwahl

Das Hamburger Abendblatt stellt heute mit Blick auf die Bürgerschaftswahl ein paar Randgruppenparteien vor. Darunter auch die Piratenpartei, der ich ihren Bürgerschreck-Namen angesichts ihrer durchaus ehrbaren Zielsetzungen fast ein wenig übel nehme.

Natürlich sind Bürgerrechte und Datenschutz kein wirklich umfassendes Programm; aber dadurch, dass die vier Großen zwanghaft zu wirklich allem eine massentaugliche Meinung haben, folgt zwangsläufig eine gewisse programmatische Beliebigkeit (sowie der Umstand, dass ich bei keiner der Etablierten mehr als 20 Prozent der Ziele und Forderungen zu teilen vermag). Und auch wenn die Fünf-Prozent-Klausel historisch gut begründet sein mag: Der Gedankenansatz der Piratenpartei, spezielle Politikfelder von hoch spezialisierten Parteien beackern zu lassen, die sich um des Gesamten willen in größere Koalitionen finden, hat durchaus seine Reize.

ex Dezember 2007, http://wort-und-satz.de/system-cgi/blog/index.php?itemid=597

Ungleichheit vor dem Gesetz

Heute wurde im Bundesrat die Vorratsdatenspeicherung durchgewunken. Aber sie allein ging einigen Ländern längst nicht weit genug. Zitat aus der heute unter Tagesordnungspunkt 17 diskutierten Bundesrats-Drucksache 798/1/07 mit Empfehlungen des Rechtsausschusses:

„Dies […] würde auch dazu führen, dass die Rechteinhaber weiterhin gezwungen wären, stets ein Strafverfahren gegen potenzielle Verletzer einzuleiten, um die hinter den IP-Adressen stehenden Namen zu erfahren – ein Vorgehen, das die Rechteinhaber nicht wollen, das eine große Zahl von potenziellen Rechtsverletzern in unnötiger Weise kriminalisiert und die Staatsanwaltschaften enorm belastet.“

Ich darf das mal übersetzen: Es ist der armen Content-Mafia Musik- und Filmindustrie nicht zuzumuten, dass sie jedes Mal bei Gericht vorstellig wird, wenn sie die nächsten paar hundert Abmahnungen verschicken möchte. Und nur weil sie das nicht will, sollen ihre Privatfahnder bei der Brachialverfolgung von Schulhofdelikten nach Meinung des Rechtsausschusses auch ohne richterliche Erlaubnis in den vorgeblich nur zur Terrorabwehr bestimmten VDS-Erkenntnissen schnüffeln dürfen.

Diesem Begehren zumindest wurde heute nicht nachgegeben (in bewährter Salamitaktik wird es sicherlich in ein paar Wochen als Fußnote eines anderen Gesetzentwurfs wieder auftauchen); ein zusätzliches G’schmäckle bekommt die Angelegenheit aber durch den heute bei Telepolis publizierten Umstand, dass Nordrhein-Westfalen unter dem Deckmäntelchen des Bürokratieabbaus das Widerspruchsrecht gegen behördliche Entscheide weitgehend abgeschafft hat: Wer in einer Behördenentscheidung einen Fehler vermutet, muss in NRW neuerdings dagegen klagen.

Was der Musikindustrie mit ihrer Armada von Anwälten unzumutbar sein soll, ist einer von Behördenwillkür geplagten Privatperson also sehr wohl zuzumuten? Da kommt man doch unweigerlich ins Grübeln über das Urteilsvermögen von Parlamentariern und inwieweit der sanfte Druck mächtiger Lobbys darauf wohl Einfluss zu nehmen vermag …

ex November 2007, http://wort-und-satz.de/system-cgi/blog/index.php?itemid=595

Mir doch egal

„Freedom is just another word for nothing left to lose“, heißt es in der Hippie-Hymne „Me And Bobby McGee“. Zu verlieren gibt es in einer saturierten westlichen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts eine Menge, wenn es auch längst nicht um alles schade wäre; doch am unmittelbarsten von Verlust bedroht zu sein scheint mir die Freiheit selbst:

Bedroht einerseits von paranoiden „Sicherheits“-Politikern, die aus Deutschlands langjährigen Erfahrungen mit diversen Totalitarismen nur das Eine gelernt haben: diffuse Ängste möglichst effektiv zu instrumentalisieren. Bedroht andererseits von der Indifferenz eines Volkes, das nicht einmal zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall Freiheit als grundsätzlich gegeben hinnimmt und nicht als schutzbedürftig erkennt.

Für dieses Volk ist Redefreiheit nur mehr eine Handy-Flatrate; dieses Volk glaubt mehrheitlich allen Ernstes, wer nichts zu verbergen habe, der habe durch Überwachung auch nichts zu befürchten; dieses Volk kennt in der neuen Medienwelt nur ein wirklich beängstigendes Szenario – eine Fußball-WM, die exklusiv im Pay-TV übertragen wird.

Freiheit, das war einmal das höchste Gut, wert, dafür zu sterben. Heute wird es als Freiheit erlebt, unterwegs zwischen zwei Terminen Mails mit multimedialen Anhängen auf dem Smartphone darstellen zu können. In Wahrheit ist unser gesamtes Kommunikations- und Konsumverhalten nicht mehr nur eine Karikatur von Freiheit, sondern oft genug ihr genaues Gegenteil.

Vorbei die Zeit, da man einen Laden betrat und die Ware anonym bar bezahlte. Bereits Kartenzahlung hinterlässt sensible Spuren, die nach werblicher Auswertung geradezu schreien; um wieviel mehr der bequeme Online-Einkauf rund um die Uhr. Online erhält man etwa auch Musik, die bereits für den MP3-Player vorkonfektioniert, im Gegenzug aber via „Digital Rights Management“ mit teils absurden Einschränkungen kastriert ist: Bequemlichkeit vor (Nutzungs-)Freiheit.

Wer sein Handy den ganzen Tag eingeschaltet lässt, der liefert seinem Netzbetreiber freiwillig ein hübsches Bewegungsprofil, für das sich vor allem in Verbindung mit den neuen GPS-Diensten sicherlich der eine oder andere Interessent findet. Über kurz oder lang wird die Infotainment-Zentrale in der Hosentasche von personalisierter, lokalisierter Werbung geflutet, und mancher wird’s womöglich noch nützlich finden.

Bewegungsprofile ergeben sich auch aus der automatisierten Kfz-Kennzeichenerfassung, momentan noch per Video, aber mittelfristig gern auch stationär an den Mautanlagen der Autobahnen. Das mag zur Fahndungsunterstützung gedacht sein, aber was geht es die Polizei in Schleswig-Holstein an, wann ich zuletzt an die Ostsee gefahren bin? Und was hat es die Hamburger Verkehrsbetriebe zu interessieren, wer in den letzten 48 Stunden die U-Bahnen benutzt hat, wenn doch nachweislich die Videoüberwachung lediglich die gefühlte, nicht aber die objektiv messbare Sicherheit erhöht?

Nun mag man derlei öffentliche und privatwirtschaftliche Datensammelwut noch als lästig, aber harmlos abtun. Doch was die in Berlin für des Staats Sicherheit zuständigen Herrschaften und ihre bloß schamroten Handlanger aus der Bauchwehfraktion für die nächste Zukunft noch planen, verheißt für die individuelle Freiheit nichts Gutes. Steuernummer, Gesundheitsakte, vollständige Telekommunikationsdaten – alles soll zentral und mittel- bis langfristig gespeichert, teilweise auch an andere Staaten weitergereicht sowie bei Gefahr im Verzug auch ohne richterliches Placet ausgewertet werden.

Selbst wenn man nun wider jede Vernunft den halbgaren Beschwichtigungen innenpolitischer Scharfmacher glauben mag und ernsthaft darauf vertraut, dass all diese Daten nur zu hehren, demokratiekompatiblen Zielen erhoben werden: Die Geschichte staatlicher Datenverarbeitung ist seit jeher eine wohldokumentierte Geschichte von Pleiten, Pech und Pannen. Computersysteme lassen sich zudem hacken, wie im Übrigen auch das „System Mensch“, wenn nur der richtige Preis geboten wird. Und vor diesem Hintergrund sammelt mein Staat für meinen Geschmack entschieden zu viele Daten und macht sie entschieden zu vielen Menschen zugänglich – zu konstatieren, dass alles, was sich missbrauchen lässt, irgendwann missbraucht werden wird, ist kein Pessimismus, sondern Empirie.

Um noch einmal zu englischsprachigen Klassikern zurückzukommen: Meist Benjamin Franklin zugeschrieben wird der schöne Satz „Those who would give up essential liberty to purchase a little temporary safety, deserve neither liberty nor safety.“ Und zum Wesen der Demokratie gehört, dass auch in solchen elementaren Fragen die Ignoranz der Mehrheit über das Wohl aller entscheidet.

ex November 2007, http://wort-und-satz.de/system-cgi/blog/index.php?itemid=593

Flotte Seiten, zähe Seiten

Momentan bemühe ich mich redlich, während der werktäglichen U-Bahn-Fahrten eine Bildungslücke zu schließen: Ich lese den „Zauberberg“. Das gestaltet sich allerdings unerwartet schwierig, denn als so geschwätzig hatte ich Thomas Mann bisher nicht kennen gelernt. Das Panoptikum, das hier dargeboten wird, ist zweifellos opulent ausgestattet, aber nach jetzt 150 von knapp 1000 Taschenbuch-Seiten würde ich mich freuen, wenn die Geschichte endlich losgeht. Die Kunst des netten Plauderns beherrscht etwa Marcel Proust eindeutig besser und mit weniger lästigen Wiederholungen: Wenn ich noch ein Mal „litewkaartige Joppe“ lese, schrei‘ ich. Und sei’s in der U-Bahn …

Seit meinen letzten kritischen Zeilen habe ich allerdings auch ein Buch gelesen, das mir meist gut gefallen hat: „Die Heimkehr“ von Bernhard Schlink. Zwar kann ich Kritiken, der Roman einer mehrfachen Odyssee sei mit Bedeutung nur so überfrachtet, durchaus nachvollziehen; sicherlich ist es auch kein so großer Wurf wie Schlinks „Vorleser“. Dennoch: eine gut lesbare, speziell in den Dekonstruktivismus-Passagen recht anregende Geschichte, deren Stärke für mich in einem glaubwürdigen, seiner Defizite bewussten Erzähler liegt.

ex November 2007, http://wort-und-satz.de/system-cgi/blog/index.php?itemid=590

Eine Krähe hackt der anderen …

Mit welchem Recht denkt der Bundesrat auch nur darüber nach, Film- und Musikverlagen sogar ohne Gerichtsbeschluss Daten aus der VDS zugänglich zu machen, damit diese ihren Urheberrechtsansprüchen hinterherrennen können? Hier macht sich der Gesetzgeber zum Handlanger einer Industrie, die bereits vor Jahren den Anschluss an die Gegenwart verloren hat und die mangels eigener Ideen mit Rechtsmitteln weit jenseits der Anstandsgrenze ihre Besitzstände zu wahren versucht. Nun, einem Politiker muss solches Gebaren sympathisch-vertraut vorkommen …

Faszinierend jedenfalls, wie schnell die Beteuerungen, bei all den neuen Techniken gehe es nur um die Bekämpfung von Terrorismus und Schwerkriminalität, Makulatur geworden sind. Es gilt die Parole: Wer CDs kopiert, steuert auch Flugzeuge in Hochhäuser.

ex November 2007, http://wort-und-satz.de/system-cgi/blog/index.php?itemid=588

Revision eines Heiligtums

Kalt, neblig, dunkel. Bestes Wetter also, Beth Gibbons zu hören, Ammer/Einheits „Frost 79°40“ oder auch die wundervollen, unlängst neu aufgelegten akustischen Suizidbegleiter von Nico. Aber diesen Winter gibt es vor allem eine Platte: Trinity Revisited von den Cowboy Junkies.

Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass man dem Kleinod „The Trinity Session“ noch etwas Adäquates hinzufügen kann. Doch die Junkies haben eine Handvoll Gleichgesinnter aufgetan und in Torontos Trinity Church mit einem Vielfachen des technischen Aufwandes von damals eine ebenso intime Neuaufnahme zustande gebracht. Jedes einzelne der zwölf Stücke ist überaus liebevoll neu interpretiert. Um nur einige Highlights zu nennen:

„Mining vor Gold“ zelebriert Margo Timmins erstaunlicherweise seit Jahren jedes Mal noch etwas intensiver; das kleine Traditional macht überdeutlich, dass ihre damals schon unvergleichliche Stimme immer noch Reifungspotenzial hat.

„Misguided Angel“ ist in der Neuaufnahme ein Duett von Margo mit Natalie Merchant, doch der spontane erste Gedanke, „Sakrileg!“, verflog schon beim ersten Hören. Mit einem Mann als Partner wäre dieser Song undenkbar, aber Miss Merchants mir ebenfalls seit langem lieb gewordene Stimme ist charaktervoll und eigen genug, dass das Duett mehr als nur funktioniert.

Natalie Merchant begleitet sich selbst auf dem Klavier zu „To Love Is To Bury“, traumhaft schön sekundiert nur von Jeff Bird an der Geige.

Das folgende „200 More Miles“, bis dato in meinen Assoziationen eher ein starker Live-Titel denn eine wesentliche Zutat der „Session“, ist in der Interpretation von Ryan Adams einfach nur umwerfend, vielleicht sogar der Höhepunkt des gesamten neuen Albums.

Und der ursprünglich extrem brüchige, an den Grenzen der Hörbarkeit dahingehuschte „Postcard Blues“ gewinnt bei Vic Chesnutt plötzlich ungeahnte Kontur und Kernigkeit, ohne dabei an Intensität einzubüßen.

„Trinity Revisited“ kommt als Doppelpack aus CD und DVD; das Video ist allein deshalb schon ein Erlebnis, weil man Mastermind Michael Timmins öfter entspannt lächeln sieht als in einem halben Dutzend Konzerten. Schade nur, dass wir keine Surround-Anlage haben, denn in der Stereo-Abmischung des Films ist das Schlagzeug ziemlich unterrepräsentiert. Aber daran herumzukritteln ist nun wirklich fast ein Sakrileg …

ex November 2007, http://wort-und-satz.de/system-cgi/blog/index.php?itemid=585