Der Berg neben dem Bett

… ist zwar momentan nicht sonderlich hoch, dafür aber ziemlich steil. Um meine Gunst wetteifern (diverse Accents in Autorennamen unberücksichtigt):

Jared Diamond, Der dritte Schimpanse, Eric Kandel, Auf der Suche nach dem Gedächtnis, Tomas Sedlacek, Die Ökonomie von Gut und Böse, Otto Kallscheuer, Die Wissenschaft vom lieben Gott, Karl S. Guthke, B. Traven, Slavoj Zizek, Ärger im Paradies, Elizabeth Kolbert, Das sechste Sterben und Ilona Jerger, Und Marx stand still in Darwins Garten.

Dazu kommt: Seit sechs Wochen war ich nicht in der Druckwerkstatt, ebenso lange habe ich nicht fotografiert, und in Rente bin ich auch noch nicht (auch wenn ich mich die letzten paar Wochen entsprechend alt gefühlt habe). Hab schon wieder das Gefühl, die erste Hälfte des kommenden Jahres bereits komplett ausgebucht zu sein :)

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Music As A Healer

a box full of suggestions for your possible heart

Dreizehnter Tag Fieber in Folge. Die ganze Zeit habe ich ja fast keine Musik gehört; einmal das Album „The White Birch“ durch­laufen gelassen, um meiner Tochter* zu zeigen, was ich damit meine, dass man Codein(e) ja nicht nur schlucken, sondern auch hören kann, aber ansonsten blieb die Anlage aus. Denn ich dachte mir, wenn schon der Körper in der Ecke hängt, mag ich nicht auch noch dem Geist Vorgaben zur Richtung machen.

Mit der Strategie war gestern Abend Schluss. Ich wollte nicht schon wieder morgens um sechs neben dem nächsten vollge­kritzelten Notizblock mit neuen Kurzge­schichten und Layout-Konzepten hochschrecken, deshalb habe ich zur Nacht hin auf eher niedriger Lautstärke meine Erste-Hilfe-Playlist auf Zufall gestellt.

Einschub: Es wäre witzlos, die hier komplett zu listen, eine Erste-Hilfe-Playlist kann man sich nur selbst anlegen. Aber für eine Idee: Neben den unver­meidlichen Downtempo-Nummern von Bright Eyes / Conor Oberst (Zitat) sind da drin vor allem die Es-Dur-Cellosonate von Brahms (die gibts zwar auch für Klarinette, aber Kim Kashkashian und Robert Levin (ECM) beweisen, dass das nur die halbe Wahrheit sein kann), die dunkleren Tracks aus der crowd­gefundeten Tetralogie der Cowboy Junkies und im Wechsel mindestens ein Album der Piano-Solos von Linford Detweiler.** Und dann halt noch auffüllen: von Nico, The Falconer über Low, $20 und Weimarband, Eiffel Tower bis Marianne Faithfull, There Is A Ghost mit allem, was nach November klingt. (Denn ist nicht genau das ein wesentlicher, wenn nicht der einzige Daseinszweck von Musik, nach November zu klingen? Im Frühling bin ich sowieso dauernd draußen und genieß das Gezwitscher, da brauch ich nicht auch noch Vivaldi.)

Jedenfalls hat das ganz gut gewirkt. Ich habe zwar auch nicht komplett ohne Unter­brechungen geschlafen, aber dafür hat man ja seine Mittelchen.*** Und heute früh war zwar, wenig überraschend, der vorliegende Artikel im Kopf, aber sonst nichts. Und der war ja nun schnell runter­getippt und ist jetzt rückstandsfrei weg.

Heute also vielleicht noch mal Musik anmachen.

***

* Als Trägerin eines mit Bedacht selbst gewählten Joy Division-Hoodies und einer on location gekauften aktuellen NMA-Tourkutte kann sie immerhin dokumentieren, von richtiger [TM] Musik nicht komplett unbeleckt zu sein :-)
** Beim Durchgucken fällt mir auf, dass ich kein einziges Triphop-Album besitze. Die Playlists befülle ich ja mit gerippten CDs, aber meinen in diesem Jahr stark steigenden Portishead-Bedarf etwa decke ich wie ein Teenie mit Streaming …
*** Wahrscheinlich funktio­niert der Trick nur, weil ich das Zeug im Alltag nicht ausstehen kann und nur medizinisch anwende: Wenn ich nachts um zwei wach werde, trinke ich ein Glas kühle Cola. Rasch über die Zähne bürsten, hinlegen, weiter­schlafen, super.

BR2049?

Es mag überraschend klingen, dass er in mein Beuteschema passt,* aber in meinen Augen ist der Director’s Cut von Blade Runner einer der größten Filme ever;** faszinierend auch insofern, als der ja nur ein Versuch war, einem vormals verdienten Flop nochmals etwas Geld zu entlocken. Plansoll übererfüllt. Weshalb ich natürlich gleich drüber nachgedacht habe, ob ich seinem Nachfolger eine Ausnahme einräumen mag von der Regel, Ich geb doch kein Geld aus für Reklame angucken und Tacotütenrascheln in Dumbi Analog Surround. Leider deutet alles darauf hin, dass Blade Runner 2049 eine klassische Drei minus geworden ist, gerade noch irgendwie okay. („Alles“ natürlich einschließlich der umfassenden Synopsis auf imdb.com, denn einem wirklich guten Film kann es egal sein, ob man schon vor dem ersten Anschauen seine Handlung Szene für Szene kennt. Dass kein Blogartikel über die nächste Staffel XXX auf das Wort „Spoilerwarnung“ verzichten zu können glaubt, deutet doch bloß auf die Allgegenwart des Mediokren hin.) Das alles also vermittelt mir den Eindruck, hier haben wir einen ziemlich schönen (im erweiterten Sinne) Film, der allzuviel Detailverliebtheit in Nebensächliches investiert und einen potenziell faszinierenden Nebenarm der Geschichte über Gebühr knapp hält. Passt das?

Hoffentlich kommt bald die DVD raus.

* Zurschaustellung von exzessiver Gewalt lehne ich grundsätzlich ab, wenn sie religiöser Triebabfuhr dient (Mel Gibson), ha-ha-ha-witzig sein soll (Quentin Tarantino), ihre eigene Logik nicht kapiert hat (David Fincher) oder allzu beiläufig daherkommt (wie in neueren Bond-Streifen, vor allem seit Daniel Craig die Lizenz übernommen hat). In diesem Sinne hab ich nix Persönliches gegen Christoph Waltz, nur als Beispiel – toller Schauspieler, aber seinen üblichen Typus muss ich einfach nicht sehen, es reicht mir schon, dass solche Spackos die Real-Life-Nachrichten dominieren.

Wenn die Bedingungen und Folgen von Gewalt die Geschichte tragen, dann ist das für mich in Ordnung; in diesem Sinne steht Blade Runner in meinem Zuneigungsregal etwa neben Apocalypse Now und Heaven’s Gate, Spiel mir das Lied vom Tod und Waltz with Bashir. Es mag noch eine Menge mehr Filme geben, die in diese Kategorie passen, aber hey, ich hab schon sonst für nix Zeit.

** die deutsche Synchronfassung ist dabei um exakt ein Wort größer als die englische; auch das hat man selten.

Kurz notiert

1
Schnelles Denken, langsames Denken
lautet der Titel eines faszinierenden Buchs des Kognitions­psychologen Daniel Kahneman. Es behandelt laienfreundlich die Mechanismen der Entscheidungs­findung und fängt ganz harmlos (und sehr gut lesbar – Übers. Thorsten Schmidt) an, weist aber im weiteren Verlauf so über­zeugend nach, dass die von gewissen ökono­mischen Schulen behaup­teten streng ratio­nalen Akteure eben dies, Behaup­tungen ohne reale Substanz, sind, dass ich mich sogar dabei ertappte, dem Autor sein Plädoyer pro Nudging nicht übel zu nehmen. An diesem Punkt fehlten mir allerdings Überle­gungen, wer mit welchem Mandat wem gegenüber in welchem Umfang stups­befugt sein sollte; aber gut, dann wäre der Schinken noch mächtiger geworden, und ich wäre womöglich immer noch nicht fertig.

2
Wann kommt endlich WordPress 4.9.1? Soll ich echtjetz auf den ganz ersten Minor updaten? Wer macht denn so was? (Schon klar: ungefähr alle außer mir.)

3
Schnelle Browser, langsame Browser
Firefox ist wieder cool. Wusstet ihr schon. Wär mir nicht aufge­fallen, weil ich den längst nur noch im Dock dulde, da es ganz praktisch ist, einen Browser mit Startseite 192.168.178.1 zur Hand zu haben. Ja, fritz.box – nein, mühsam :)

Chrome würde ich aus Gründen ja nicht mal mit dem kleinen Zeh anfassen, aber der ist blöderweise seit Jahren bei mir der Einzige, mit dem ich verläss­lich meine Umsatz­steuer­voranmeldung abgeben kann, unabhängig vom gefühlt halb­monatlichen Website-Redesign bei der Krähe. Beim letzten Mal funktionierte das übrigens am besten, nachdem ich das Fenster auf etwa 480*800px zugeschubst hatte. Mobile first in Reinkultur – die Kollegen von elster­online sind sogar noch cooler als Firefox.

Opera kann man ohne Gedöns mit ange­schaltetem VPN starten, und in ziemlich seltenen Fällen ist es leidlich nett, ohne den Tor-Bremser Geoblocking umgehen zu versuchen zu können.

Safari ist meine einzige Anwendung, auf die die iCloud zugreifen darf: für die weniger sensible zentrale Lese­zeichen­sammlung und für nahtloses Weiter­arbeiten beim Wechsel zwischen MacOS- und iOS-Geräten. Wobei der Terminus „Arbeiten“ – i.S.v. arbeiten können, wie mans vom Rechner kennt und mit Recht erwartet – im Zusammen­hang mit dem iPad mutmaßlich-bekanntlich ein erschreckend schlechter Witz ist. – Ach, und flickr läuft im Safari rund. (Oh je, Kerl, beschrei’s nicht.)

Den Tor-Browser habe ich da oben verschaukelt, aber seit er an der Vectoring-Buchse so etwas wie Performance erahnen lässt, ist er endlich, aus in diesem Blog vielfach erörterten Gründen und nicht nur wegen seiner berückenden Multi­color­zwiebel, mein unange­fochtener Liebling. Funktioniert halt quasi nichts damit, was das Jungvolk im Netz machen will, aber (fast) alles, was ich von einem Browser brauche und erwarte. Ich nutze ihn auf den Macs unter eben diesem Namen bzw. auf dem Pad als Tob.

Aber nicht auf der Xubuntu-VM. Da nehme ich nun doch den normalen Firefox, weil der direkt unter Thunderbird im Menü steht und ich da möglichst wenig Arbeit haben will.

4a
Die virtuelle Maschine brauch ich aber auch nicht aus Privacy-Tüdelü, sondern um in Theorie und Praxis für die dräuende Post-Mac-Ära gerüstet zu sein. Denn seit dem 2012er Non-Retina MBP haben die ja nix G’scheits mehr gebaut, und wer weiß, wie lange die Kisten noch mitmachen.

4b
Wobei natürlich Scribus, obschon ganz okay inzwischen, nicht mal ansatz­weise mit InDesign mithalten kann. Auch nicht mit Quark XPress übrigens, das man gerade in der 2015er Vollversion (no tricks, zwei Installationen, nur maxiaufwendiges Anmelden und Downloaden) fürn Zehner, also ziemlich exakt 1% des damaligen VK, nämlich für den Kaufpreis des aktuellen c’t-Sonderhefts „Kreativ arbeiten“, in der Bahnhofs­buchhandlung findet. – Moment mal, ich habe es doch nur auf einem Mac instal­liert, dann könnte ich notfalls auch auf Windows 10 … Schatz, Schaaatz, wo hattest du das Desinfek­tions­mittel hingepackt?

5
In echt weiß ich natürlich, wo dit Fläschgen steht – denn ich bilde mir ein, dass man es meinen letzten paar Texten anmerken kann, dass sie in den dunkelsten Nacht­stunden unter dem nicht wenig euphori­sierenden Einfluss solider Fieber­schübe (oder sind diese Medika­mente einfach verflixt guter Stoff? Jedenfalls sind sie noch ohne WLAN. Glaub ich.) entstanden sind. Wenn mir der Quatsch nach hoffent­licher Rekonva­leszenz zu quatschig ist, lösch ich ihn also vielleicht wieder. Seid mir dann nicht böse, bitte, danke.

6
Schnelles Schreiben, langsames Schreiben (danke, reicht jetzt auch)
Jedenfalls bin ich im Flow wie selten, aber gleich­zeitig ist die Tipperei eine harte Zumutung. (Bis hierher hat die Artikel­produktion drei Shirts durch­geschwitzt. Haste auch nicht alle Tage.) Ich glaube, vor der nächsten Erkältungs­saison installiere ich eine SprachKrächzerkennungs­software.

***Letzte Frage***Hab extra den höchstbewerteten Schneebesen im ganzen Internet bestellt. Aber wie soll ich damit den Bürgersteig freikriegen?***

Gelesen: Jared Diamond, Kollaps

Wenn er nicht schon mehr als 12 Jahre auf dem Buckel hätte, könnte man diesen hoch spannenden Wälzer auch als Kommentar zu Donald Trumps Wirtschafts- und Klimapolitik lesen – das wird spätestens beim Blick auf den Untertitel klar. In der Übersetzung (wie üblich gut: Sebastian Vogel) lautet er „Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“, im Original wird es noch etwas deutlicher: „How Societies Choose to Fail or Survive“ (Herv. von mir).

Zuerst mit Blick auf frühere Zivilisationen (Osterinsel, Wikinger auf Grönland), dann mit immer deutlicherem Gegenwartsbezug (Bergbau in Montana, der Völkermord in Ruanda) wird geschildert, welche ökonomischen und ökologischen Umstände das Wohlergehen einer Gesellschaft beeinflussen können und wie wir unsererseits Einfluss auf diese Faktoren nehmen können, um unser lokales und globales Überleben zu begünstigen – oder es eben, durch Untätigkeit oder Fehlentscheidungen, langfristig aufs Spiel zu setzen.

Der Autor kommt zu einem gedämpft optimistischen Fazit. Und wenn ich eine Frage an ihn freihätte, dann wäre es die, ob er sich diesen Optimismus seit Erstveröffentlichung erhalten konnte.

Gelesen: „Achtung: Statistik“

Wenn es für eine Krankheit, die von 100 Menschen durchschnittlich je einen befällt, einen Test gibt, der mit 90-prozentiger Genauigkeit anzeigt, ob ein Proband erkrankt ist oder nicht: Wie groß ist der rechnerische Anteil tatsächlich Erkrankter unter all denen, die der Test als erkrankt ausweist?

Dass dieser Anteil nur rund acht Prozent beträgt, dass in diesem Szenario also auf einen tatsächlich Erkrankten elf fälschlich als krank diagnostizierte Testpersonen kommen, ist zwar einfach nachzurechnen, aber auf den ersten Blick für Leute wie mich, die nicht täglich mit Statistik zu tun haben, einigermaßen überraschend. Und solche Aha-Erlebnisse gibt es reichlich in dem Büchlein „Achtung: Statistik“ von Björn und Sören Christensen (für das an dieser Stelle nochmals ein herzliches „Danke!“ nach Neumünster geht): Es versammelt 150 Zeitungskolumnen rund um das Jonglieren mit Zahlen, Quoten und Verhältnissen, durchgehend auch für mathematische Laien verständlich und sehr unterhaltsam.

Und nach der Lektüre glaubt man dann wirklich keiner Statistik mehr – oder man hat zumindest ein Gefühl dafür entwickelt, wo und wie sie jeweils kritisch zu hinterfragen ist.

Letzter Walzer

Heute vor 40 Jahren wurde The Last Waltz gespielt – das Abschiedskonzert von The Band. Wenn das kein Grund ist, heute mal in der Werkstatt DVD statt Radio einzuschalten … (oder unser müdes Internet zu quälen – der Link oben führt zu einer Aufzeichnung in voller Länge, mehr als vier Stunden statt nur knapp zwei im Scorsese-Film).