Höchstwahr­scheinlich ja

Eine kurze Unterbrechung der aktuellen Sendepause, um aus dem Archiv eine Frage hervorzukramen, die ich mir 2012 erstmals laut gestellt habe und die mir schon damals rhetorisch vorkam:

Wäre es möglich, dass Leute, die sich aus idealistischen Motiven für Freiheit im Netz engagieren, bloß nützliche Idioten sind, Handlanger wider Willen für Menschen und Institutionen, die skrupellos genug sind, beim Stichwort Freiheit nur an die Abwesenheit von Begrenzungen für ihre Bereicherung auf Kosten Dritter zu denken?

Advertisements

Geschäftsmodell: Auf Fehler des Kunden warten

Einem Familienmitglied, das etwas höheren Mobilfunk-Bedarf hat als ich, ist gerade beim Jonglieren mit den Datenoptionen ein Missgeschick passiert: Das Prepaid-Guthaben war erst aufgeladen worden, nachdem die letzte Monats-Flatrate ausgelaufen war. Die neue Option war vermeintlich wieder bestellt, aber die SMS zur Bestätigung noch nicht eingetroffen. Trotzdem wurde emsig gesurft, und so war das Guthaben – das für knapp fünf Monats-Flatrates gereicht hätte – innerhalb eines Tages komplett aufgebraucht.

Ganz klar ein Fehler seitens des Kunden, einerseits – unter Lehrgeld zu verbuchen. Andererseits kann man sich da schon mal fragen, warum es in solchen Fällen keine rechtzeitigen automatisierten Warn-Hinweise gibt: „Sie haben gerade den Gegenwert zweier Monats-Flatrates binnen weniger Stunden verbraucht – möchten Sie nicht lieber eine Option buchen?“ Aber mit Sitte und Anstand lassen sich in diesem Sektor offensichtlich schlecht Geschäfte machen …

Denn solches Gebaren passt ins Gesamtbild und ist nicht auf diesen einen Anbieter beschränkt. Ich selbst z.B. bin vor Jahren mal zu einem anderen Provider gegangen, weil der vorige sich geweigert hat, von selbst Rechnungen zu erstellen – die musste man monatsweise einzeln beantragen. Beim neuen hatte ich dann zuerst einen Vertragstarif, in dem es zwei SIM-Karten gab. Die zweite brauchte ich irgendwann nicht mehr (und das viele Inklusiv-Internet auch nicht), weshalb ich gekündigt und beim selben Anbieter einen kleineren Vertrag bestellt habe. Danach habe ich mich gewundert, dass die Monatsrechnung noch höher ausfiel: was daran lag, dass man mir – ohne dass das irgendwo vermerkt worden wäre – nun eine zweite SIM als kostenpflichtige Zusatzoption untergejubelt hatte. Und das lief auch nach meiner Stornierung schamlos weiter, bis ich beide alten SIMs deaktiviert und eine einzelne neue – natürlich gegen obszöne Gebühr – freigeschaltet hatte.

Das ist ein ziemlich cleveres Geschäftsmodell, schätzungsweise auf halber Strecke der Brechtschen Kriminalitätsskala zwischen Überfallen einer Bank und Gründen einer Bank; denn jeder einzelne Betrag, der in den dunkelgrauen Randzonen des geltenden Rechts abgebucht wird, ist niedrig genug, dass man sicher sein kann: Der solcherart Geschädigte wird sich nicht die Mühe machen, die Sache zu eskalieren und womöglich einen Anwalt aufzusuchen. Und nicht einmal mit Boykott und Anbieterwechsel muss man rechnen, da der Kunde die empirisch gestützte Ahnung hegt: Überall sonst geht es genauso unanständig zu.

Wollen sollen

In einer Reklame-E-Mail schreibt mir heute meine Bank:

mal eben am Strand eine Überweisung tätigen oder auf Reisen den Kontostand checken – Banking findet statt, wann Sie es wollen.

Na klar, wer kennt das nicht? Der Felsen, auf dem du sitzt, ist noch warm von der Hitze des Tages, Seele und nackte Füße baumeln in der Abendluft, am Horizont zieht ein einsames Segelboot vorbei – und du wünschst dir nichts sehnlicher, als genau jetzt den einen oder anderen Dauerauftrag einrichten zu können …

***

Faszinierend ist das schon: Solche Angebote gäbe es ja nicht ohne entsprechende Nachfrage, also muss es genug Menschen geben, denen es wichtig ist, sich in möglichst jeder Lebenslage mit Banking (und verwandten kultischen Verrichtungen zum höheren Ruhme des Heiligen Mammon) befassen zu können. Ich fände ja die Frage viel interessanter, wie es mir auch zukünftig gelingt, dass Banking nur dann stattfindet, wenn ich es will – also beispielsweise ohne unerbetene Anrufe und E-Mails in größeren Stückzahlen.

Aber ich fürchte, es geht bei alledem weniger darum, was ich will, als darum, was ich wollen soll.

Naturnahe Stadtplanung

Ich gehöre sicher nicht zu den Leuten, die Bäumen ein Herz und Gefühle zusprechen; aber die Exemplare, die alibihalber alle paar Meter in eine ansonsten vollsynthetische Umgebung wie die Hamburger Hafencity einbetoniert werden (links zum Beispiel vor den neuen Büros von Greenpeace), die tun mir trotzdem ein bisschen leid …

Nachtrag zur Benotung im Sportunterricht

Ende November hatte ich ja postalisch im zuständigen Ministerium angefragt, wie es sein könne, dass in Bewertungstabellen für den Oberstufen-Sportunterricht bei Nichterreichen einer Mindest-Marke trotz Bemühens die gleichen null Punkte vergeben werden wie für Leistungsverweigerung. Nach einem ausgiebigen Telefonat mit einem Kieler Fachmenschen habe ich jetzt zumindest eine Ahnung, was es damit auf sich hat:

Er hat es mir so erklärt, dass solche Wertungen auch Prüfungssituationen darstellen sollen, denen man später im Leben immer wieder begegnet und bei denen man ja auch durchfallen kann; das hätte also pädagogisch insofern einen vorbereitenden Sinn. Und so eine Sechs bzw. null Punkte in der Einzelprüfung solle (das sei ausdrücklicher Bestandteil der Referendarsausbildung, wenn es auch nicht in den Wertungstabellen stehe) in der Halbjahreswertung entsprechend aufgefangen und relativiert werden, indem erkennbares Bemühen im Vergleich zu Verweigerungshaltung zu einer besseren Gesamtnote führt.

Auch der Experte gestand allerdings ein, dass Anspruch und Wirklichkeit hier nicht immer deckungsgleich seien und dass es eben solche und s0lche Lehrer gebe. (Einschub von mir: Wer als Schüler an einen s0lchen Lehrer kommt, der ist dann doppelt gekniffen. Null Punkte trotz Leistungsbereitschaft müssen zwingend gut kommuniziert werden.) Und er deutete zumindest an, dass er meinen grundsätzlichen Kritikpunkt – unzureichende bzw. nicht unmittelbare Differenzierung zwischen bemüht und nicht geschafft und erst gar nicht bemüht – valide findet. Das fand ich schon mal erfreulich; wer weiß, wozu das gut ist, wenn die Tabellen mal wieder überarbeitet werden …

Fast schade, dass sich meine Karriere als Vater schulpflichtiger Kinder schon bald dem Ende zuneigt – man könnte zum Beispiel noch die Bundesjugendspiele und die Benotung im Kunstunterricht wegdiskutieren, um sich sodann der philosophischen Elementarbildung zu widmen :-)

2017 war ein überdurchschnittliches Jahr

Zumindest bezogen auf meine Schreib-Frequenz in diesem Blog:
Artikel pro Jahr 2005 bis 2017
Dies ist der 99. Artikel in diesem Jahr und zugleich der 1162. insgesamt unter dieser Webadresse veröffentlichte, was einem Jahresschnitt von rund 89 entspricht.
Diese Statistik ist insofern ein bisschen verfälscht, als ich von 2005 bis 2009 mit unterschiedlichen Blogplattformen experimentiert habe und beim Löschen des nicht mehr Gebrauchten damals nicht zimperlich war. Die hier noch gespiegelten Texte aus den ersten fünf Jahren sind also nur ein kleiner Teil dessen, was ich tatsächlich mal veröffentlicht habe.

Dass ich 2017 so schreibwütig war, finde ich selbst einigermaßen überraschend; bevor ich die Zahlen ins Spreadsheet eingetippt hatte, war ich davon ausgegangen, zwar mehr als im Vorjahr, aber doch insgesamt deutlich weniger als in den Peak-Jahren am Anfang des Jahrzehnts verfasst zu haben. Noch fleißiger als ich beim Schreiben wart 2017 übrigens ihr beim Kommentieren; vielen Dank dafür!

Und was kommt jetzt?

Im Moment würde ich zwar drauf tippen, dass ich in 2018 verstärkt mein handwerkliches Themenspektrum nebenan beackern werde, statt mich weiter an den Schattenseiten der Digitalisierung abzuarbeiten. Zu letzteren kann man ohnehin kaum was Originelles mehr schreiben, weil ja die meisten Neuentwicklungen im Großbereich Internet allzu offensichtlich zu überhaupt nichts gut sind (außer vielleicht dafür, ihre Benutzer zu Sklaven nicht demokratisch legitimierter Machtstrukturen zu machen – was vielleicht doch noch mal ein Thema wäre, aber nicht hier und jetzt).

Andererseits kenne ich mich ja und weiß, dass ich da unten in der Werkstatt gern mal so in Flow komme, dass ich wochenlang komplett vergesse, dass es dieses Internet gibt und dass man da auch was reinschreiben kann – und das ist ja schon sehr kurz vor dem Idealzustand schlechthin, nämlich das Leben wieder komplett unvernetzt zu führen … Kurzum: zum weiteren Verlauf der oben abgebildeten Kurve mal lieber noch keine Prognose :-)

Meine verlorene Generation?

Vorbemerkung: Mit „meiner“ Generation meine ich im folgenden Text ganz grob die Geburtsjahrgänge 1960 bis 1980; was uns für diese Argumentation verbindet, ist der Umstand, dass wir im Gegensatz zu unseren Kindern keine Digital Natives sind, im Gegensatz zu unseren Eltern aber noch alle Möglichkeiten hatten und haben, diesem Zustand zumindest sehr nah zu kommen.

Als unsere Größere ihr erstes Smartphone bekam – wie immer bei uns Natural Born Sceptics zwei bis drei Jahre später als alle anderen, also noch nicht in der Grundschule –, da habe ich gescherzt, dass es das Passwort fürs heimische WLAN aber erst zum 18. Geburtstag gibt. Rückblickend muss ich wohl festhalten, dass das gar nicht mal so witzig war – im Gegenteil wäre genau das (zusammen mit einer Prepaid-Karte ohne Datenoption) die richtige Strategie gewesen, unseren Kindern im ohnehin permanenten emotionalen Ausnahmezustand, der sich Pubertät nennt, einiges an Last von der Schulter zu nehmen.

Ich höre die ersten Schnappatmer. Deshalb gleich angefügt: Nein, das hätte natürlich nicht funktioniert. In einem Umfeld, in dem nahezu jede Mittelstufenschülerin permanent online schnattert und sich die zwölfjährigen jungen Hunde nicht mehr auf dem Bolzplatz, sondern auf den Multiplayer-Maps der jeweils gerade so bezahlbaren Ego-Shooter kloppen, kann ich meine Kinder nicht offline halten. No way.

Aber ich hätte es besser wissen können. Ich zumindest, und ein paar von uns in meiner Generation auch. Ich meine damit uns, die wir schon vor der Jahrtausendwende gebloggt haben (HTML freihändig ins WordPad, alle Links manuell aktualisieren, wir hatten ja nur Nullen und Einsen), die wir zu #Zensursula-Zeiten und noch ein bisschen danach einen gemeinsamen Feind hatten, die wir seit unserer ersten faszinierten Suchanfrage bei altavista.com so tief im Internet drin waren, dass wir hätten wissen müssen, was es mit uns machen kann.

Und vor allem: Was es mit dem sich gerade erst entpuppenden menschlichen Geist eines Pubertisten machen könnte.

Macht die Probe aufs Exempel. Auch ihr, die ihr Facebook schon ziemlich cool und den Rest des Internets diffus beunruhigend findet und die ihr noch nicht mal dann ins Darknet schauen würdet, wenn euch jemand den Eingang zeigte. Hier die Probe: Setzt euch an den Rechner oder schnappt euch das Tablet und sagt euch: Fünf Minuten zur Entspannung auf Instagram die neuesten Deko-Ideen durchzappen, dann weiterarbeiten.

Fünf Minuten? Immer? Eben.

Denn das ist ja erst der Anfang. Das Internet, selbst wenn man es auf die per Smartphone zugänglichen Teilbereiche reduziert, ist eine unendliche Ansammlung von Verlockungen und Abgründen. Wieso noch klassisches Schulwissen pauken, wenn doch offensichtlich alles, was man wissen muss, bei Google zu finden ist? Wieso im echten Leben treffen und abhängen, wenn es direkt nach der Schule im Bett viel gemütlicher ist und sowieso alle on sind? Wieso nur auf dem Schulhof mobben, wenn das per Bloßstellung in einer möglichst breit gefächerten Whatsapp-Gruppe viel effizienter (und schmerzhafter) klappt?

Und das alles in der Pubertät? In einer Phase, in der unsere Kinder ohnehin nicht wissen, wo oben und wo unten ist auf der Welt?

Wir haben da einen riesigen Fehler gemacht: Wir haben das Internet fasziniert von allen Seiten angeschaut und darüber die Skepsis vergessen. Wir wussten noch nicht genau, was wir davon halten sollten, aber wir hatten schon eine Ahnung, dass es nie wieder weggehen würde; und deshalb dachten wir, es sei eine gute Idee, es unseren Kindern so leicht wie möglich zu machen, sich dort auf eigene Faust zurechtzufinden.

Wir wussten ja nichts. Medienkompetenz? Also bitte, wer hätte die denn uns und dann unseren Nachfolgern vermitteln sollen? Wir selbst, noch die Internet-Affinsten unter uns, waren die meiste Zeit zu begeistert, um zu begreifen, dass dieses Medium eben doch noch mehr ist, anders, zweischneidiger, als nur die Vollendung der Brechtschen Radiotheorie. Und die Lehrer, die heute unsere Kinder unterrichten? Die sind doch unsere Generation, was sollen die denn anders machen als wir? Ich habe einen sogenannten Computerführerschein in der Mittelstufe aus der Nähe gesehen: Da wurde auswendig gebüffelt, an welchen Stellen dieser bestimmten Word-Version man zu klicken hatte, um exakt jenen Effekt zu erzielen, und wenn die Formatierung hinterher so aussah wie in der Vorlage, dann hatte man bestanden. Nur gelernt hatte man genau nichts. Aber das kann ich keinem Lehrer zum Vorwurf machen: Wir selbst hätten es doch auch nicht besser gewusst …

Kurz zusammengefasst: Mit dem Web, mit Social Media, dem Internet of Things und den Bemühungen um Künstliche Intelligenz haben wir einen Zug auf die Schiene gesetzt, der sich als lupenreiner Runaway Train entpuppt. Sieht schon irgendwer Jon Voight im Schneegestöber? Ich sehe ihn noch nicht. Aber ich sehe unsere Kinder auf den hinteren Waggons sitzen und die Fahrt live da- und dorthin streamen, und weder sie noch wir, ihre Eltern und Lehrer, wissen, wo die Reise hingeht. Aber die Idee, dass sie irgendwo hinfahren, wo wir noch nie gewesen sind, die finden wir immer noch dufte.

Habe ich eine Lösung für das Dilemma anzubieten? Nein. Aber ich habe da noch eine Beobachtung:

Wer kritisiert denn heute das Internet? Im englischen Sprachraum sind das manchmal sogar Menschen, die sich im Internet auskennen. Aber der prototypische netzskeptische Intellektuelle, der seine regelmäßigen Spiegel-Essays in seiner Muttersprache verfasst, der kokettiert offen damit, weder ein Smartphone zu benutzen noch jemals bei Facebook herumgeklickt zu haben. Dass dieser Umstand tiefe Kerben in seine Glaubwürdigkeit haut, scheint weder ihm noch seinen Claqueuren bewusst zu sein.

Möglicherweise wären wir schon einen kleinen Schritt weiter, wenn die Netzgemeinde, die sich alle Jahre wieder zwischen den Jahren unter der Weihnachtsrakete des CCC versammelt, endlich mal ihre Scheuklappen der Euphorie ein wenig zur Seite schöbe und offen kommunizierte: Leute, selbst wenn wir alle Hacks von NSA, GCHQ und BND durch Counterintelligence und zivilen Ungehorsam zum Verpuffen bringen, selbst in dem Augenblick, in dem im echten Leben das utopische Moment von Little Brother das dystopische besiegt hat, selbst wenn der Innenminister die letzte Überwachungskamera eigenhändig abschraubt, weil er es endlich begriffen hat, …

… selbst dann, Leute, ist das Internet noch nicht ausschließlich der Arabische Frühling.

Denn das Internet ist genau wie wir. Nicht nur gut, nicht nur böse, aber unter den jeweils geeigneten Einflüssen zu nahezu allem fähig. Und deshalb haben wir eine Verantwortung der nächsten Generation gegenüber – sie so lange von den extremsten Auswüchsen der Welt fernzuhalten, bis sie gefestigt genug ist, allein damit klarzukommen –, der wir zumindest im Online-Bereich der Welt bislang nicht mal im Ansatz gerecht werden.