Literarischer Monatsrückblick: Mai 2009

Das Kinderbuch des Monats ist diesmal ein klassischer amerikanischer Privatschnüffler-Krimi, Anleihen bei Sam Spade und Co. sind unübersehbar. Allerdings ist die Location auf einen einzigen kleinen Garten begrenzt, und die Akteure sind ausnahmslos Insekten. Willkommen in der Welt von Paul Shiptons „Die Wanze“: Hier ermittelt ein zynischer Käfer zwischen gefährlich individualistischen Ameisen, verführerischen Grashüpferinnen, zuckersüchtigen Stubenfliegen und mörderischen Spinnen. Und das Ganze ist für Kenner und Liebhaber des Genres wahrscheinlich ein noch größerer Spaß als für Kinder, die mit Spannungsliteratur erst anfangen.

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Martin Walser: „Ein fliehendes Pferd“
Wenn bereits der Klappentext Auskunft darüber gäbe, wie viel Sex-Geschwätz diese Novelle enthält, dann hätte ich sie vermutlich erst gar nicht gelesen. Was ein bisschen schade gewesen wäre, weil es zwar einerseits eine blöde Fremdschämgeschichte ist, andererseits aber eben (wie von Walser nicht anders zu erwarten) eine unglaublich fein formulierte. Trotzdem habe ich mich nach der Lektüre mehr geärgert als gefreut – weil es mir einfach keinen Spaß macht, Erwachsenen beim Peinlichsein zuzuschauen, aber vor allem, weil der Schluss zwar mächtig originell tat, sich aber für mein Empfinden bloß um eine saubere Auflösung herummauschelte.

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Irina Korschunow: „Langsamer Abschied“
Hier hingegen kein Grund zum Ärgern. Im Gegenteil. Diese Frau weiß, was sie tut – mit jedem Buchstaben, den sie zu Papier bringt. Ich kannte sie bislang nur als Verfasserin netter Kinderbücher („Der Findefuchs“, „Die Wawuschels“), aber dieser stille Liebesroman hat mich von der ersten bis zur letzten Zeile gefesselt. Und das ganz ohne überraschende Volten und schriftstellerische Taschenspielertricks – einfach nur mit Einfühlungsvermögen und schlichter Eleganz der Sprache.

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Frank Koschembar: „Der Vampir-Effekt“
„The Hidden Persuaders“ für die Krabbelgruppe – ein auch für Jungleser leicht verständliches Buch eines Werbeprofis über die Lockrufe von Kaufhausradio, pseudogesundem Kinderfutter, Handy-Klingeltönen und Internet-Clubs. Bei jokers.de für einen freundlichen Euro zu bestellen und Pflichtlektüre für alle konsumgestressten Eltern.

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H.A. Rey: „Zwilling, Stier und Großer Bär“
Unter dem Titel „The Stars – A New Way to See Them“ seit Jahrzehnten ein Klassiker im englischen Sprachraum, aber aus unerfindlichen Gründen jetzt erst ins Deutsche übersetzt. Wer gern nachts in den Himmel schaut, sollte dieses Buch besitzen. Denn anschaulicher als hier lassen sich die Sternbilder wohl kaum mehr darstellen.

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Taryn Simon: „An American Index of the Hidden and Unfamiliar“
Ein Bildband, eigentlich. Ein sehr beredter allerdings. Miss Simon, bekannt geworden mit ihrer Portraitserie „The Innocents“, zeigt uns Orte und Dinge, die Amerika lieber nicht an die große Glocke hängen würde. In geradezu beängstigend nüchterner Bildsprache sehen wir hier etwa ein Zentrum für kosmetische Chirurgie, eine Hanf-Plantage im Dienst der Wissenschaft oder – für mich der Gipfel des subtilen Grauens – den Freiluft-Trakt einer Todeszelle. Mag sein, dass diese Fotos ohne ein Minimum an Erklärung nicht funktionieren würden; aber ein paar Zeilen andeutender Text, und jedes einzelne Bild wird zum Roman.

ex Mai 2009, http://cwoehrl.de/?q=node/565

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1 Kommentar zu „Literarischer Monatsrückblick: Mai 2009“

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