Ein Brief

Sehr geehrter […],

heute finde ich beim Nachhausekommen ein Schreiben der Schule, „Einwilligung zur Veröffentlichung von Bildern auf der Schulhomepage“. Darin sollen wir Eltern unsere Einwilligung erteilen, dass Fotos unserer Kinder „unter Umständen mit Angabe des vollständigen Namens […]“ im Internet veröffentlicht werden.

Mit Verlaub: Ich bin entsetzt, dass diese Möglichkeit auch nur in Betracht gezogen wird. Ein Grundschulkind erkennbar und mit vollem Namen in einem öffentlichen, für jedermann einsehbaren, im Vergleich etwa zur Tageszeitung zudem auf Dauer angelegten Medium abzubilden ist ein durch nichts zu rechtfertigender Eingriff in die Privatsphäre eines Kindes und einer Familie. Ein Kind darf nicht von jedem Fremden vor der Schule mit Namen angeredet werden können!

Und selbst wenn wir nicht vom Schlimmsten ausgehen wollen, so sind doch Kinder dieses Alters (und, seien wir ehrlich, auch die meisten Eltern) nicht einmal ansatzweise in der Lage, die Implikationen zu überblicken, die die Veröffentlichung privater Daten im öffentlichen Internet mit sich bringt. Sollte ein Kind oder ein Elternteil, aus welchem Grund auch immer, seine Einwilligung zu einem späteren Zeitpunkt widerrufen wollen, wird „das Kind in den Brunnen gefallen sein“. Denn das Internet vergisst nichts – selbst wenn Inhalte auf dem ursprünglichen Server längst nicht mehr vorliegen, werden sie über archive.org und andere Quellen noch auf Jahre hinaus recherchierbar sein.

Kurz gesagt: Privatsphäre im Internet ist ein Themenkomplex, dessen Problematik sich uns erst allmählich erschließt. Wir sollten hier sehr behutsam vorgehen und im Zweifelsfall auch auf Dinge verzichten, die uns auf den ersten Blick sympathisch erscheinen.

Als Vater zweier Kinder an der Grundschule […] und als jemand, der sich beruflich und privat bereits seit Jahren mit dem Internet und insbesondere den so genannten sozialen Netzwerken beschäftigt, bitte ich Sie deshalb sehr herzlich darum, diese Einwilligungserklärung nochmals zu überdenken und mindestens den Passus „mit Angabe des vollständigen Namens“ ersatzlos zu streichen – auch der Vorname allein ist hier indiskutabel.

Mit freundlichen Grüßen

Edit, eine knappe Woche später: Unsere Schulleitung hat entschieden, auf der Homepage auf die (vermutlich nicht nur) von mir beanstandete Namensnennung bei Schüler-Fotos komplett zu verzichten. Dankeschön, gut so!

ex Mai 2009, http://cwoehrl.de/?q=node/587

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