Synästhesie mit Smilla-Syndrom

Bis 50 Seiten vor Schluss war’s ein tolles Buch, eine faszinierend clever konstruierte Geschichte über eine Synästhetikerin mit LSD-Flashbacks, die sich in feindseliger Umgebung auf die Suche nach Realität begibt. Zwar fühlte ich mich von „Der Teufel von Mailand“ bisweilen unterfordert, wenn entscheidende Indizien mehrfach explizit wiederholt wurden, wo man’s, wenn überhaupt, bei Andeutungen hätte belassen können. Aber wahrscheinlich kann ein Autor bei seinen Lesern kein Gedächtnis wie meines voraussetzen, und davon abgesehen pflegt Martin Suter einen wunderbaren Stil, temporeich und dennoch überaus detailverliebt.

Umso ärgerlicher, dass die Story zum Ende hin kippt, als sei dem Schreiber das Papier knapp geworden. Nachdem der erste allzu offensichtlich Verdächtige lehrbuchkonform eliminiert ist, geht’s plötzlich Schlag auf Schlag; eine Enthüllung jagt die nächste; wo zuvor subtiler Schrecken herrschte, dominiert nun atemlose Action. Dann ist die letzte Seite erreicht, und ich fühle mich wie nach einer übergroßen Portion Popcorn: Noch mehr passt beim besten Willen nicht rein, aber wirklich satt bin ich nicht …

Dass es einträglich sein kann, anspruchsvolle Spannungsliteratur mit dick aufgetragenen Special Effects auf Massentauglichkeit zu trimmen, wissen wir spätestens seit „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“: Über diesen sensationell beginnenden Roman mit dem erbärmlich sensationsheischenden Finale habe ich mich seinerzeit so sehr geärgert, dass ich hernach nie wieder ein Buch von Peter Hoeg angefasst habe, aber damit war ich wohl Teil einer kleinen Minderheit. Derart misslungen ist „Der Teufel von Mailand“ zwar nicht; aber enttäuscht bin ich schon, und einmal mehr frage ich mich, woran man wohl Unterhaltungslektüre erkennt, die sich nicht auf der Zielgeraden als Zeitverschwendung entpuppt. Die letzten zehn Seiten zuerst zu lesen wäre wohl kaum sachdienlich; aber wie wär’s mit einem Gütesiegel etwa des Inhalts „Pro7-kompatible Verfilmung garantiert unmöglich“?

ex November 2007, http://wort-und-satz.de/system-cgi/blog/index.php?itemid=580

Advertisements

1 Kommentar zu „Synästhesie mit Smilla-Syndrom“

Sag doch was!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s