Revision eines Heiligtums

Kalt, neblig, dunkel. Bestes Wetter also, Beth Gibbons zu hören, Ammer/Einheits „Frost 79°40“ oder auch die wundervollen, unlängst neu aufgelegten akustischen Suizidbegleiter von Nico. Aber diesen Winter gibt es vor allem eine Platte: Trinity Revisited von den Cowboy Junkies.

Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass man dem Kleinod „The Trinity Session“ noch etwas Adäquates hinzufügen kann. Doch die Junkies haben eine Handvoll Gleichgesinnter aufgetan und in Torontos Trinity Church mit einem Vielfachen des technischen Aufwandes von damals eine ebenso intime Neuaufnahme zustande gebracht. Jedes einzelne der zwölf Stücke ist überaus liebevoll neu interpretiert. Um nur einige Highlights zu nennen:

„Mining vor Gold“ zelebriert Margo Timmins erstaunlicherweise seit Jahren jedes Mal noch etwas intensiver; das kleine Traditional macht überdeutlich, dass ihre damals schon unvergleichliche Stimme immer noch Reifungspotenzial hat.

„Misguided Angel“ ist in der Neuaufnahme ein Duett von Margo mit Natalie Merchant, doch der spontane erste Gedanke, „Sakrileg!“, verflog schon beim ersten Hören. Mit einem Mann als Partner wäre dieser Song undenkbar, aber Miss Merchants mir ebenfalls seit langem lieb gewordene Stimme ist charaktervoll und eigen genug, dass das Duett mehr als nur funktioniert.

Natalie Merchant begleitet sich selbst auf dem Klavier zu „To Love Is To Bury“, traumhaft schön sekundiert nur von Jeff Bird an der Geige.

Das folgende „200 More Miles“, bis dato in meinen Assoziationen eher ein starker Live-Titel denn eine wesentliche Zutat der „Session“, ist in der Interpretation von Ryan Adams einfach nur umwerfend, vielleicht sogar der Höhepunkt des gesamten neuen Albums.

Und der ursprünglich extrem brüchige, an den Grenzen der Hörbarkeit dahingehuschte „Postcard Blues“ gewinnt bei Vic Chesnutt plötzlich ungeahnte Kontur und Kernigkeit, ohne dabei an Intensität einzubüßen.

„Trinity Revisited“ kommt als Doppelpack aus CD und DVD; das Video ist allein deshalb schon ein Erlebnis, weil man Mastermind Michael Timmins öfter entspannt lächeln sieht als in einem halben Dutzend Konzerten. Schade nur, dass wir keine Surround-Anlage haben, denn in der Stereo-Abmischung des Films ist das Schlagzeug ziemlich unterrepräsentiert. Aber daran herumzukritteln ist nun wirklich fast ein Sakrileg …

ex November 2007, http://wort-und-satz.de/system-cgi/blog/index.php?itemid=585

Advertisements

Sag doch was!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s