Mir doch egal

„Freedom is just another word for nothing left to lose“, heißt es in der Hippie-Hymne „Me And Bobby McGee“. Zu verlieren gibt es in einer saturierten westlichen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts eine Menge, wenn es auch längst nicht um alles schade wäre; doch am unmittelbarsten von Verlust bedroht zu sein scheint mir die Freiheit selbst:

Bedroht einerseits von paranoiden „Sicherheits“-Politikern, die aus Deutschlands langjährigen Erfahrungen mit diversen Totalitarismen nur das Eine gelernt haben: diffuse Ängste möglichst effektiv zu instrumentalisieren. Bedroht andererseits von der Indifferenz eines Volkes, das nicht einmal zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall Freiheit als grundsätzlich gegeben hinnimmt und nicht als schutzbedürftig erkennt.

Für dieses Volk ist Redefreiheit nur mehr eine Handy-Flatrate; dieses Volk glaubt mehrheitlich allen Ernstes, wer nichts zu verbergen habe, der habe durch Überwachung auch nichts zu befürchten; dieses Volk kennt in der neuen Medienwelt nur ein wirklich beängstigendes Szenario – eine Fußball-WM, die exklusiv im Pay-TV übertragen wird.

Freiheit, das war einmal das höchste Gut, wert, dafür zu sterben. Heute wird es als Freiheit erlebt, unterwegs zwischen zwei Terminen Mails mit multimedialen Anhängen auf dem Smartphone darstellen zu können. In Wahrheit ist unser gesamtes Kommunikations- und Konsumverhalten nicht mehr nur eine Karikatur von Freiheit, sondern oft genug ihr genaues Gegenteil.

Vorbei die Zeit, da man einen Laden betrat und die Ware anonym bar bezahlte. Bereits Kartenzahlung hinterlässt sensible Spuren, die nach werblicher Auswertung geradezu schreien; um wieviel mehr der bequeme Online-Einkauf rund um die Uhr. Online erhält man etwa auch Musik, die bereits für den MP3-Player vorkonfektioniert, im Gegenzug aber via „Digital Rights Management“ mit teils absurden Einschränkungen kastriert ist: Bequemlichkeit vor (Nutzungs-)Freiheit.

Wer sein Handy den ganzen Tag eingeschaltet lässt, der liefert seinem Netzbetreiber freiwillig ein hübsches Bewegungsprofil, für das sich vor allem in Verbindung mit den neuen GPS-Diensten sicherlich der eine oder andere Interessent findet. Über kurz oder lang wird die Infotainment-Zentrale in der Hosentasche von personalisierter, lokalisierter Werbung geflutet, und mancher wird’s womöglich noch nützlich finden.

Bewegungsprofile ergeben sich auch aus der automatisierten Kfz-Kennzeichenerfassung, momentan noch per Video, aber mittelfristig gern auch stationär an den Mautanlagen der Autobahnen. Das mag zur Fahndungsunterstützung gedacht sein, aber was geht es die Polizei in Schleswig-Holstein an, wann ich zuletzt an die Ostsee gefahren bin? Und was hat es die Hamburger Verkehrsbetriebe zu interessieren, wer in den letzten 48 Stunden die U-Bahnen benutzt hat, wenn doch nachweislich die Videoüberwachung lediglich die gefühlte, nicht aber die objektiv messbare Sicherheit erhöht?

Nun mag man derlei öffentliche und privatwirtschaftliche Datensammelwut noch als lästig, aber harmlos abtun. Doch was die in Berlin für des Staats Sicherheit zuständigen Herrschaften und ihre bloß schamroten Handlanger aus der Bauchwehfraktion für die nächste Zukunft noch planen, verheißt für die individuelle Freiheit nichts Gutes. Steuernummer, Gesundheitsakte, vollständige Telekommunikationsdaten – alles soll zentral und mittel- bis langfristig gespeichert, teilweise auch an andere Staaten weitergereicht sowie bei Gefahr im Verzug auch ohne richterliches Placet ausgewertet werden.

Selbst wenn man nun wider jede Vernunft den halbgaren Beschwichtigungen innenpolitischer Scharfmacher glauben mag und ernsthaft darauf vertraut, dass all diese Daten nur zu hehren, demokratiekompatiblen Zielen erhoben werden: Die Geschichte staatlicher Datenverarbeitung ist seit jeher eine wohldokumentierte Geschichte von Pleiten, Pech und Pannen. Computersysteme lassen sich zudem hacken, wie im Übrigen auch das „System Mensch“, wenn nur der richtige Preis geboten wird. Und vor diesem Hintergrund sammelt mein Staat für meinen Geschmack entschieden zu viele Daten und macht sie entschieden zu vielen Menschen zugänglich – zu konstatieren, dass alles, was sich missbrauchen lässt, irgendwann missbraucht werden wird, ist kein Pessimismus, sondern Empirie.

Um noch einmal zu englischsprachigen Klassikern zurückzukommen: Meist Benjamin Franklin zugeschrieben wird der schöne Satz „Those who would give up essential liberty to purchase a little temporary safety, deserve neither liberty nor safety.“ Und zum Wesen der Demokratie gehört, dass auch in solchen elementaren Fragen die Ignoranz der Mehrheit über das Wohl aller entscheidet.

ex November 2007, http://wort-und-satz.de/system-cgi/blog/index.php?itemid=593

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