Gelesen: Richard Dawkins, “The Selfish Gene”

An diesem Klassiker der Evolutionsbiologie (erste Veröffentlichung 1976) hatte ich einige Wochen zu kauen, aber die Mühe hat sich gelohnt. Vordergründig geht es um die damals recht junge Theorie, dass Selektion weniger innerhalb von Gruppen oder Individuen als vielmehr auf der Ebene der Gene stattfindet. Dadurch, dass Dawkins seine Thesen mit gut nachvollziehbaren Beispielen aus der Pflanzen- und Tierwelt unterfüttert, hatte ich alle paar Seiten Aha-Erlebnisse dergestalt, dass plötzlich bestimmte menschliche Verhaltensweisen nachvollziehbar erschienen. (Um dem Eindruck vorzubeugen: Der Autor legt sehr viel Wert auf die Feststellung, dass er keinem genetischen Determinismus das Wort redet.)

Zusätzlich interessant wurde die Lektüre dadurch, dass ich die 30th Anniversary Edition erwischt habe, in der Dawkins mehr als 50 Seiten Notizen, Aktualisierungen und auch selbstkritische Anmerkungen zur Erstausgabe nachliefert. Dazu kommen noch zwei zusätzliche Kapitel, in denen unter anderem seine neuere These zum “Extended Phenotype” angerissen wird, die in extremer Kürze besagt, dass Gene auf indirektem Wege auch ihre entfernte Umwelt beeinflussen können.

Insgesamt ein tolles Buch, das hohe Anforderungen an die Konzentrationsfähigkeit stellt (im Zweifelsfall vielleicht lieber die deutsche Übersetzung lesen, auch die sollte es als Jubi-Ausgabe 2006 geben), den Einsatz aber durch für ein Sachbuch extrem hohen Lesespaß und durch viele neue Einsichten belohnt.

  • Trackbacks sind geschlossen
  • Kommentare (4)
    • rails
    • 7. August 2011

    ‘The Selfish Gene’ von Dawkins habe ich noch nicht gelesen, nur ‘The God Delusion’ und ‘The Blind Watchmaker’.

    >> “hatte ich alle paar Seiten Aha-Erlebnisse dergestalt, dass plötzlich bestimmte menschliche Verhaltensweisen nachvollziehbar erschienen.”

    Das ist merkwürdig, oder? Es ging mir bei meiner Lektüre genauso. Die Evolutionsbiologie hat einen überraschend hohen Alltagwert.

    (Vor Kurzem hatte ich ähnliche Aha-Erlebnisse bei der Lektüre von T. Metzingers ‘Ego-Tunnel’. Da geht’s ja um die Evolution des Bewusstseins, eingebettet in den Kontext der Evolutionsbiologie).

  1. Irgendwo ist mir der “Ego-Tunnel” schon mal empfohlen worden. Bei i. von dir? :) Das Beste daran, über Lektüre zu schreiben, sind die Tipps zum Weiterlesen, die sich daraus so oft ergeben …

    Die Sache mit dem Alltagswert ist wirklich verblüffend; wobei ich es wichtig finde, im Auge zu behalten, dass das Leben selbst dann noch faszinierend und, ja, wunder-bar bleibt, wenn man es aus dem Blickwinkel des Bio- statt des Theologen betrachtet.

    • rails
    • 9. August 2011

    :-)

    • rails
    • 9. August 2011

    Metzinger ist teils ziemlich schwere Kost. Wenn ich’s nicht im Urlaub dabeigehabt hätte, und wenn’s da nicht so viel geregnet hätte, wäre ich wohl nicht jetzt schon durch. Ich kann’s Dir nach Berlin mitbringen, falls es Dich interessiert.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.
Follow

Get every new post delivered to your Inbox.